Das Ohrenmerk

Patrick Franke – Seminar: Medien denken, Prof. Marc Ries, 2007

Seminararbeit über Phonografie, Aufmerksamkeit und Hören, von Patrick Franke, Leipzig.

Vorlauf:

Es ist ein Märzmorgen. Ich werde durch recht laute, schroff krächzende Rufe geweckt. Es ist sicher nicht später als 6 Uhr.
Mein Fenster steht offen, sodass ich einen Teil der mittelgroßen Bäume des Innenhofs einsehen kann, vom Kronenansatz bis über die Wipfel.
Die Lärmer sind bald als zwei Individuen des Eichelhähers (Garrulus glandarius) bestimmt. Wie ich es für gewöhnlich bei akustisch außergewöhnlichen Situationen handhabe – und solch eine liegt ohne Zweifel vor, denn die beiden streiten sich offenbar um ein Revier –, hole ich meinen Audiorekorder. Dabei bemerke ich, dass es doch recht frisch ist. Klar wird: ich muss mich beeilen, da ich unvorbereitet wie ich bin, es nicht lange in der Kälte aushalten werde. Aber Zeit, sich großartig zu bekleiden ist keine - die Situation kann jeden Moment enden.
Während das Getöse der beiden Vögel sich fortführt, kauere ich in der Deckung meines Fensterbrettes mit Rekorder und Richtmikrofon und schneide mit. Nach gut 15 Minuten beschließe ich ins Bett zurückzukehren, es ist einfach zu kalt. Als ich die Geräte ausstellen will sehe ich, dass der Schalter für die Aufnahme von mir nicht ausgelöst worden ist.

Merksatz:
In diesem Moment wurde mir erstmalig tiefer bewusst, dass ich während einer Aufnahme - und besonders, wenn sie nicht routiniert oder bedacht, sondern hastig geschieht - vom Geschehen nichts mitbekomme.

Was heißt nun genau mitbekommen?

Es ist notwendig, genauer zu benennen was eine akustische Aufnahme für mich ist, warum ich phonographiere.
Der Phonograph war zuerst einmal ein Werkzeug für mich, das lediglich seinem Namen nach (griech. Klangschreiber) akustische Ereignisse aufzeichnen sollte: Ereignisse die über längere Zeit oder plötzlich mein Ohrenmerk erlangen konnten. Dies konnte der Pumpenmotor des 14-tägig montags erscheinenden LKW des Mehllieferanten beim Bäcker in meiner Straße sein oder das Getöse der Gesamtheit meiner Mitreisenden im Schnellzug.
Es lässt sich sagen, dass Neugier und Forschergeist, mit Unvoreingenommenheit gegenüber der akustischen Welt als Grundlage, dabei durchaus ziellos waren. Mit der Klanganalyse im Sinne einer inhaltlichen Bestimmung und Dokumentation von Ereignissen, die parallel zum Aufstöbern neuer Klängen sich entwickelte, wandelte diese Feldforschung sich zu einer gerichteten Suche.
 
Die Masse der gespeicherten Klänge nahm schnell größere Ausmaße an, sodass eine durchdachte Archivierung Not tat. Es kam zu einer Systematisierung der unabhängigen und losen Ansammlung akustischer Ereignisse, die aufgrund von Homologien sortiert wurden. Der benennbare bestimmte Inhalt nahm Platz über dem Ereignis: dem Vagen, Unbenennbaren, Offenen, Intuitiven, Losen.
Somit wandelt sich der Prozess des Phonographierens vollkommen der Logik des Phonographen entsprechend. Eine spezifische Vorsätzlichkeit im Aufnahmeprozess und – auch im musikalischen Wortsinne – der instrumenthaft gewordene Umgang mit Klängen und Geräuschen ersetzte das Unvoreingenommene. So entstand ein Wertesystem.

Merksatz:
Die Logik des Phonographen ist zu erst einmal bestimmt durch seine Bau- und Funktionsweise. Akustische Ereignisse können auf ein begrenztes Speichermedium aufgezeichnet werden. Bei (halb)analogen Systemen kann nun das Gespeicherte auf diesen Trägern archiviert oder aber auf weitere Medien (z.B. Festplatten) übertragen werden.
Es steht also begrenzter Speicherplatz zur Verfügung was eine temporäre Nutzung oder zum Zwecke der weiteren Verfügbarkeit eine dem Phonographen externe Speicherung verlangt. Digitale Systeme sind komplett abhängig davon.
Es lässt sich sagen dass in der Logik des Phonographen das Archivieren anliegt.
Zugespitzt heißt das: der/die PhonographistIn muss bemüht sein für folgende Aufnahmen immerfort Platz zu schaffen.
Dieser Logik folgt ein lediglich temporärer Bezug vom geschriebenen Klang zum Werkzeug hat aber zugleich Archive oder Sammlungen von akustischen Ereignissen zur Folge.
Diese so genannten Ereignisse sind bis hierher als eine Ansammlung von Partikeln und Anteilen, Teilereignissen verstanden worden.
Das Wertesystem der Sammlung, als Folge der Notwendigkeit des Externen, erzeugt die Gerichtetheit auf einzelne benennbare Partikel, auf eine Auswahl. Das Gerät das erstmal einen offenen ungerichteten Gebrauch zulässt und offen ist für freie Prozesse reduziert sich auf den rein mediatisierten (Funktion/Logik des Mediums) Umgang. Dieser Umgang hingegen ist offenen Gebrauchsweisen gegenüber versperrt, er kennt nur sein Ziel, seine Spezialisierung, die Suche nach Speziellem. Mit den rein funktionalen Weisen ist man mit dem Phonographen außerstande Dinge aufzuzeichnen, die außerhalb eines Ziels liegen. Die Grundlage dafür ist physikalischer respektive technischer Art. Diese verändert die Herangehensweise, die Haltung des/der PhonographistenIn die sich noch besser als in der Bedienung des Gerätes, im Hören zeigt.

 

Das mediatisierte Hören

Die Vorherrschaft des Ziels/der Richtung über das Ereignis, als Folge des Sortierens hat, so meine ich, ein mediatisiertes Hören zur Folge. Charakteristisch dafür ist neben dem Denken in Kapazitäten (Speicherplatz) und der Homologie geprägten Suche, eine Konzentration auf die Funktion des Werkzeugs.
Für den Aufnahmevorgang lässt sich sagen, dass ich von einem gerichtet aufgezeichneten Ereignis sowie dessen Struktur, seinem Gefüge, der Wirkungen auf die Umgebung, nichts nach dessen Verstreichen übrig, davon keinen wirklichen Eindruck habe. Ich habe sehr wohl eine faktische Erinnerung von den Vorgängen, aber keine gefühlte. Ein Erinnern was geschehen ist, entspricht lediglich einem Herleiten, was allerdings im Bereich einer Technik oder der Routine (Automation) zu verorten ist. Das Ereignis hat keine Präsenz in mir. Wie ein luzides Erleben sich zwar im tatsächlichen Ablauf intensiv anfühlt, aber keinerlei Nachhall (Erinnerung) aufweist. Anscheinend liegt der Fall bei einer akustischen Aufnahme, bei der die Aufmerksamkeit entgegen dem reinen Erleben ausgerichtet ist, sehr ähnlich.
Um das Wesen des mediatisierten Hörens im Falle einer akustischen Aufnahme zu positionieren, braucht es eine Betrachtung des nativen, zwecklosen Hörens.
 

Das native Hören

Das Hören ohne Zweck ist im besten Fall ein unmerklich strukturiertes. Das kann heißen: ein Hören ohne bewusst gelenkten Ausschluss von Anteilen des Spektrums (gesamtes Ereignis), das dennoch ein temporäres Hervortreten Einzelner, in Wechselwirkung und nicht Negation anderer, erlaubt. Im Schnellzug bin ich also offen für das akustische Erfahren sämtlicher Teilereignisse in ihrer Gesamtheit.

[Da die sicher an dieser Stelle notwendigen Fragen nach dem Bewussten, Unbewussten, die Sache der Konditionierung und Ähnlichem diesen Rahmen sprengen würden, wird nicht darauf eingegangen. Es muss versucht werden, die bekannten Dinge dazu auf das akustische Wahrnehmen mit zu denken.]


Aus einem breiten Spektrum von Klängen und Geräuschen einzelne Dinge herauszuhören, liegt im Bereich des nativen Hörens. Das vorsätzliche und gerichtete Isolieren einzelner Partikel ohne Berücksichtigung des Gefüges ist das mediatisierte Hören.
Das native Hören ist nicht in Erwartung. Ein Ereignis kann mich überraschen, lenkt meine Aufmerksamkeit ganz allein auf sich.
Eine bereits vorgefertigte Einstellung zum Ereignis oder dessen Analyse wird mir diese Möglichkeit nicht lassen. Neben dem gerichteten Voreingenommensein ist das Analytische ausschlaggebend für das Behindern des nativen Hörens.
Das native Hören erlaubt alle Partikel der Ereignisse, sie befinden sich in einem Konglomerat, das wertlos, simultan, verschieden dynamisch, verteilt, wechselhaft u.v.a. mehr ist. Es lässt sich am ehesten von einem Wechselspiel reden. Dadurch, dass kein analytisches Hören diese als Wert (Parameter) annehmbaren Unterschiede bemisst, besteht der Zugang zu einem komplexen, dauerhaft oszillierenden Gefüge. Eine offene Haltung dieser Klangwelt gegenüber erlaubt das simultane Wahrnehmen mehrerer dieser Partikel und deren Gefüge, der Gesamtheit des Ereignisses, und schafft womöglich auch die Grundlage zu einem gefühlten Erinnern.

Über Patrick Franke

Der in Leipzig lebende Patrick Franke ist seit Ende der 1990er Jahre künstlerisch vorrangig mit akustischen Medien in verschiedensten Bereichen aktiv. Zumeist auf Grundlage von Phonographien entstehen Kompositionen, Topophonien/Soundmaps, Klanginstallationen oder kommentierte Aufführungen in Einzelarbeiten oder Kollaborationen.

Diese Arbeitsfelder umspannen zum Teil verwandte Themen wie: akustische Realitäten, Klangforschung oder Bioakustik und finden zumeist in konzeptionellen Projekten ihre Ausformung. Von Interesse sind dabei Begebenheiten, Verhaltensweisen, Verhältnisse oder Ereignisse sowie deren strukturelle Organisation und akustische Erscheinung. Dies schließt Lebewesen, Orte, Räume, Gegenstände sowie Immatrielles gleichermaßen ein.

Kommunikation und Vermittlung kommen in Frankes Projekten großes Gewicht zu.

Teil dieser theoretischen Arbeit ist seit 2007 seine monatliche Sendung ALULA TON SERIEN . RADIO auf dem lokalen Radio Blau über elektroakustische Musik und Klangkunst.

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  • last change: 2008/07/12
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